Angefangen hat alles ein paar Kilometer südlich, mit Pupput: ein kleiner römischer Marktflecken im Schatten Karthagos, der unter Commodus gegen Ende des 2. Jahrhunderts zur Kolonie aufstieg. Öl, Weizen, Küstenhandel – dazu Thermen und Mosaikböden. Der heutige Name kommt vom arabischen Plural von hammam, Bad; die Römer hätten das vermutlich als Kompliment verstanden.
Nach der arabischen Eroberung verlagerte sich die Siedlung auf die Felsnase am Meer. Zwischen dem 9. und 10. Jahrhundert entstand dort eine Befestigung aus der Zeit der Ribats. Der Geograf al-Idrisi beschrieb den Ort im 12. Jahrhundert noch als Burg auf einem Kap, nicht als Stadt. Unter den Hafsiden bekam Hammamet dann Stadtmauern und seine Große Moschee, und die Medina erhielt ihren fast rechtwinkligen Grundriss von rund 200 Metern Seitenlänge – die Moschee steht dabei am Rand statt in der Mitte.
Das 16. Jahrhundert brachte spanische Übergriffe und wechselnde Herren; die Kasbah in ihrer heutigen Form stammt im Wesentlichen aus dieser Zeit. Die Osmanen übernahmen nach 1574 ein armes Fischernest. Erst andalusische Flüchtlinge brachten Gärten und Obstbau zurück. Reich wurde hier über Jahrhunderte niemand – Hammamet lebte von Fisch, Zitronen und dem, was das Umland hergab.
Unter dem französischen Protektorat kamen Straße, Eisenbahn und Zitrusplantagen. Der eigentliche Wendepunkt war jedoch privat: In den 1920er Jahren baute der rumänische Millionär Georges Sebastian eine Villa direkt am Meer, von einer Zurückhaltung, die man sich heute kaum noch leistet. Um ihn herum sammelte sich eine Gesellschaft aus Künstlern und Wintergästen – Hammamet wurde mondän, lange bevor es Pauschalreisen gab.
1962 kaufte der tunesische Staat die Villa und machte ein Kulturzentrum daraus; seit 1964 läuft im Freilufttheater ein internationales Festival. Ab den 1990er Jahren zog derselbe Staat dann im Süden Yasmine Hammamet aus dem Boden – eine komplette Ferienstadt am Reißbrett. Beide Entscheidungen prägen bis heute, wie sich der Ort anfühlt.
Die Medina (Altstadt) ist winzig: ein weiß-blaues Rechteck, das man in einer Viertelstunde durchquert. Sie wird bewohnt, das merkt man. Die Hauptgasse ist Souvenirstrecke mit Keramik und Teppichen, aber zwei Abbiegungen genügen, und es wird still. Die Große Moschee steht schlicht am nördlichen Eingang; das Innere bleibt Nichtmuslimen verschlossen. Für Medina und Kasbah zusammen reichen zwei Stunden.
Die Kasbah sitzt auf der Felsnase am Wasser. Oben auf dem Wehrgang hat man Meer, Seefriedhof, Altstadtdächer und – ehrlicherweise – die Hotelzeile im Blick. Am Wall klebt das Marabout Sidi Bouhdid, das heute als Café direkt über der Brandung dient; einer der wenigen Orte hier, an denen Postkartenmotiv und Alltag zusammenfallen.
Das Internationale Kulturzentrum in der früheren Villa Sebastian gehört zu den Sehenswürdigkeiten, die man in Hammamet nicht erwartet: weiße Kolonnaden, Gewölbe, ein Pool mit Säulengang, ein Bad aus schwarzem Marmor, ein Park, der zum Meer hin abfällt. Im Juli und August läuft dort das Festival, sonst richtet sich der Zugang nach dem Programm.
Pupput, der archäologische Park im Süden, liegt eingeklemmt zwischen zwei Hotels: Peristylhäuser, Thermen, Mosaikböden und eine Nekropole mit über 1000 freigelegten Gräbern. Bescheiden, meist menschenleer, eine Stunde. Wer schon in Karthago oder Dougga war, wird hier nicht umgeworfen; wer noch nicht, bekommt einen ruhigen ersten Eindruck.
In Reichweite: Nabeul, 15 Minuten entfernt, Töpferhauptstadt des Landes, mit Freitagsmarkt, Werkstätten und Harissa. Kerkouane an der Spitze des Cap Bon, die einzige punische Stadt, die von den Römern nie überbaut wurde, seit 1985 UNESCO-Welterbe – der Ausflug lohnt sich. Korbous, ein Thermaldorf an der Nordküste, wo heißes Quellwasser ins Meer läuft. Und Yasmine Hammamet mit Marina, Fußgängerpromenade, nachgebauter Medina und dem Freizeitpark Carthageland für Kinder.
Hammamet riecht nach Jasmin. An den Kreuzungen verkaufen Männer kleine Sträußchen, die man sich hinters Ohr klemmt – ein tunesischer Brauch, der nichts mit Touristen zu tun hat. Am späten Nachmittag wird das Licht weich, die Bougainvilleen glühen, und man versteht, warum in den 1930er Jahren halb Europa hier überwintern wollte. Die Stadt hat sich aus ihrer eleganten Zeit einen Sinn für Gärten und niedrige Mauern bewahrt. In den alten Vierteln sitzen Männer beim Kartenspiel im Café, es riecht nach gegrilltem Fisch, und gegen elf Uhr vormittags kommt das Brot aus dem Ofen.
Und dann die andere Hälfte. Der Küstenstreifen ist auf mehreren Kilometern von einer lückenlosen Reihe aus Hotelanlagen, Mäuerchen und vermieteten Liegen gedoppelt; die Urbanisierung hat dem Strand nicht gutgetan. Vor allem aber ist Yasmine Hammamet eine andere Stadt als die Altstadt – flach, neu, funktional, ohne jede Patina, und ungefähr zehn Kilometer entfernt. Wer dort in einer All-inclusive-Anlage landet, kommt per Transfer an, isst acht Tage internationales Buffet und fährt wieder ab, ohne Tunesien gesehen zu haben, außer in Uniform. Das ist kein Vorwurf an die Gäste: Die Anlagen sind so gebaut, dass Rausgehen nach Aufwand aussieht. Es kostet ein Taxi und zwanzig Minuten – und genau daran scheitern die meisten Wochen. Dazu kommt die Saison: Im Juli und August platzt der Ort, im Januar ist die halbe Hotelzeile geschlossen. Wer einmal rausfährt, hat plötzlich eine Reise statt eines Aufenthalts.
Anreise — Der nächste Flughafen ist Enfidha-Hammamet, rund 45 Minuten mit dem Auto; dorthin gehen im Sommer die Charter- und Ferienflieger ab Frankfurt, München, Düsseldorf und Wien. Ganzjährig zuverlässiger ist Tunis-Karthago mit den Linienflügen, von dort etwa eine Stunde über die Autobahn A1. Wer die Bahn mag: Züge aus Tunis halten in Bir Bou Rekba, dem Bahnhof für Hammamet und Nabeul, den Rest macht ein Taxi. Dazu gibt es die Louages, die tunesischen Sammeltaxis – günstig, schnell, kein Fahrplan.
Beste Reisezeit — Mai bis Juni und September bis Anfang Oktober: Wasser warm, Luft um die 27 bis 30 °C, weniger Andrang. Juli und August sind heiß und voll, dafür läuft das Festival. Der Winter ist mild, windig und sehr ruhig – gut für Thalasso, schlecht für Betrieb, weil viele Häuser schließen. Die deutschen Sommerferien fallen genau in die volle Zeit; wer flexibel ist, fährt in den Herbstferien deutlich entspannter.
Vor Ort unterwegs — Zwischen Altstadt, Nordzone und Yasmine liegen gut zehn Kilometer, das läuft niemand. Gelbe Taxis sind der Normalfall, dazu Shuttles und eine Bimmelbahn. Zur Unterkunft: Die ältere Nordzone hat Hotels in gewachsenen Gärten und Fußweg zur Medina, Yasmine ist neu, eben und familientauglich, aber charakterlos; in der Altstadt selbst gibt es wenig Betten, dafür Stadt.
Gut zu wissen — Das Meer bleibt über 50 Meter flach und ruhig, ideal für Kinder; Hotelstrände sind faktisch privatisiert. Hammamet ist Tunesiens Thalasso-Hochburg, vor allem in Yasmine – die Qualität schwankt, achten Sie auf ärztliche Betreuung statt auf Marmor, und reservieren Sie in der Nebensaison vorher. Zwei Tage reichen für die Stadt; danach lohnt sie sich als Basis für Cap Bon, Tunis, Karthago, Kairouan oder Zaghouan.