Die Bucht war schon besiedelt, bevor Rom in Nordafrika etwas zu sagen hatte. Die Punier nutzten sie als Zwischenstopp, die Römer machten daraus Thabraca — keinen großen Hafen, aber einen nützlichen. Von hier ging der gelbe, rosa geäderte Marmor aus den Brüchen von Chemtou durch das Medjerda-Tal und weiter über See nach Ostia und Rom. Wer in Italien in einer antiken Halle steht und diesen warmen Steinton sieht: der kam mit hoher Wahrscheinlichkeit von hier aus aufs Schiff.
Christlich wurde Thabraca früh und gründlich. Die Mosaizisten der Stadt legten über die Gräber bebilderte Platten — Kirchen mit drei Schiffen, Häuser, Vögel, Namen der Verstorbenen. Diese Grabmosaiken zählen zu den bekanntesten Stücken im Bardo-Museum in Tunis. Vor Ort sieht man davon nichts mehr; wer sie sehen will, muss sie in der Hauptstadt besuchen.
Dann wurde es still. Im 16. Jahrhundert war der Hafen nur noch ein Ankerplatz. Um 1540 setzte sich die genuesische Familie Lomellini auf dem vorgelagerten Felseneiland fest, baute eine Festung und siedelte Fischer aus Pegli bei Genua an. Deren Geschäft war die rote Koralle, und es lief gut genug, um zweihundert Jahre zu halten. 1741 machte Bey Ali Pacha dem Ganzen ein Ende, nahm die Insel und deportierte die Bewohner. Ein Teil der Tabarkiner landete auf Sardinien und gründete Carloforte, wo bis heute ein genuesischer Dialekt gesprochen wird.
Unter dem französischen Protektorat entdeckten die Kolonialbeamten das kühle Aïn Draham als Sommerfrische im Korkeichenwald. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Insel durch Aufschüttungen mit dem Festland verbunden — seither ist das Fort zu Fuß erreichbar. In den 1990er-Jahren beschloss man dann, Tabarka zum kompletten Badeort zu machen: Flughafen, Golfplatz, Marina, Hotelzone. Diese letzte Schicht Geschichte ist die einzige, die sichtbar unfertig geblieben ist.
Das genuesische Fort steht auf dem Felsen, der einmal eine Insel war. Man geht zu Fuß hinauf, eine Serpentinenstraße, etwa 20 Minuten bei mäßiger Steigung — feste Schuhe reichen, Bergausrüstung braucht es nicht. Oben liegt die ganze Bucht vor einem, dahinter die Berge der Kroumirie, und bei klarer Sicht die algerische Küste. Das Fort wird seit Jahren restauriert; ob man hinein darf, entscheidet sich vor Ort. Der Weg lohnt sich auch, wenn das Tor zu ist.
Die Aiguilles — auf Deutsch schlicht die Nadeln — sind senkrechte Sandsteinklingen von rund 20 Metern Höhe, ockerfarben, am anderen Ende des Strandes. Sie sind das einzige Wahrzeichen der Stadt, das nie jemand restaurieren musste. Am späten Nachmittag, wenn die Sonne von der Seite kommt, bekommen sie Farbe, und man teilt sie mit erstaunlich wenigen Leuten.
Die Basilika war ursprünglich eine römische Zisterne, wurde Ende des 19. Jahrhunderts zur Kirche umgebaut und dient heute als Kulturraum. Ein sonderbares Gebäude mit drei Leben, und genau deshalb interessant.
Der Korkeichenwald gehört mit zum Erbe, auch wenn er in keinem Denkmalverzeichnis steht. Nach Aïn Draham sind es 20 Kilometer und 800 Höhenmeter, und die Landschaft wechselt auf dieser Strecke komplett: Korkeichen mit abgeschälten, rostroten Stämmen, Eukalyptus, Pinien. Im Nationalpark El Feija weiter westlich läuft man durch denselben Wald, nur ohne Straße daneben. Auf den Landstraßen begegnen einem Lastwagen voller Korkrinde — eine Ernte, die es sonst nirgends in Tunesien zu sehen gibt.
Vom römischen Thabraca ist oberirdisch praktisch nichts übrig, die Stadt liegt unter den heutigen Häusern. Die Funde stehen im Bardo. Wer antike Substanz sehen will, fährt ins Hinterland: Bulla Regia mit seinen unterirdischen Villen und die Marmorbrüche von Chemtou sind Tagesausflüge und beide deutlich beeindruckender als alles, was in Tabarka selbst noch steht.
Tabarka riecht nicht nach Jasmin und Staub, sondern nach Eukalyptus, Pinie und nasser Erde. Das Licht ist grün statt weiß, die Hügel fangen direkt hinter der Hauptstraße an, im Hafen liegen Holzboote statt Ausflugsdampfern. Die Hauptstraße hat man in zehn Minuten abgelaufen; das ist keine Beschwerde, sondern die Größenordnung. Abends wird Fisch gegrillt, in den Läden gibt es Korallenschmuck, Bergkäse und Honig. Die Leute sind zugänglich und weniger touristenroutiniert als an der Ostküste — man wird eher gefragt als angesprochen.
Und jetzt ehrlich: Der Badeort aus den 1990ern wurde nie fertig. Wer an der Küste entlanggeht, kommt an geschlossenen Hotels und Betonrohbauten vorbei, die seit Jahren so dastehen. Der internationale Flughafen ist die meiste Zeit leer; Charterflüge kommen bestenfalls saisonal und zögerlich zurück. Golfplatz und Marina blieben auf halbem Weg stehen. Das Jazzfestival im Juli hat eine lange Geschichte, aber auch mehrere Ausfalljahre — verlassen Sie sich nicht darauf, planen Sie es als Bonus. Und die Saison ist kurz: Von November bis März ist es nass, windig und kühl, und ein Teil der Hotels schließt.
Wer die Postkarte des tunesischen Südens sucht — Dünen, Palmen, Sonnengarantie — wird hier unglücklich, und zwar zuverlässig. Wer Wald, Tauchen und eine Stadt ohne Animationsprogramm sucht, findet in Tabarka genau das — in einer Ecke Tunesiens, in der Sie niemand zum Kamelreiten überredet.
Anreise — Praktisch alle kommen über Tunis. Vom Flughafen Tunis-Karthago sind es rund 180 Kilometer und etwa drei Stunden über Land; die Straße ist ordentlich, wird zum Schluss aber kurvig und langsam. Louages (Sammeltaxis) und Busse fahren von Tunis aus regelmäßig, eine Bahnverbindung gibt es nicht. Der Flughafen Tabarka-Aïn Draham liegt 15 Kilometer östlich, ist seit Jahren fast ohne Verkehr und wird nur saisonal angeflogen — planen Sie nicht damit, sondern freuen Sie sich, falls es klappt.
Beste Reisezeit — Juni bis September für Meer, Tauchen und Betrieb. Mai und Oktober für Wald und Wandern, das Wasser ist dann frisch. November bis März ist grün, sehr nass und still, in den Bergen kann Schnee fallen. Die deutschen und österreichischen Sommerferien fallen genau in die verlässliche Zeit.
Vor Ort unterwegs — Zentrum, Strand und Hafen laufen Sie zu Fuß ab. Für die Kroumirie, Aïn Draham, El Feija, Bulla Regia und Chemtou brauchen Sie einen Mietwagen; öffentliche Verbindungen existieren, kosten aber viel Zeit. Alternativ lässt sich mit einem Taxifahrer eine Hin- und Rückfahrt in die Berge vereinbaren. Tabarka ist außerdem das Tauchrevier Tunesiens: Sandsteinabbrüche, Grotten, Zackenbarsche, Muränen und rote Korallen in den dunklen Überhängen. Die Clubs sitzen am Hafen und nehmen Anfänger wie Erfahrene; das Wasser ist kühler als im Süden, die See launisch, Ausfälle kommen vor.
Gut zu wissen — Zwei Nächte reichen für Stadt und Tauchen, drei bis vier, wenn Kroumirie und die römischen Stätten dazukommen. Zur Unterkunft: Die Hotels verteilen sich auf die Strandzone und ein paar kleinere Häuser im Ort; im Winter hat nur ein Teil geöffnet. Und beim Korallenschmuck: Der Bestand ist überfischt, es gelten Quoten, Schmuggel gibt es. Kaufen Sie bei einem etablierten Juwelier, lassen Sie sich eine Rechnung geben und prüfen Sie die Einfuhrregeln für Deutschland oder Österreich.