Bizerte

BizerteStory
Bizerte liegt weiter nördlich als jeder andere Ort Afrikas – nördlicher als Tunis, nördlicher als Malta. Deutsche Reisegruppen verirren sich selten hierher, und genau das merkt man: ein alter Fischerhafen mit blau-weißen Booten, eine bewohnte Kasbah, dahinter ein See so groß wie ein Binnenmeer. Wer die Hotelburgen von Hammamet kennt und etwas anderes sucht, ist hier richtig – und hat den Nationalpark Ichkeul vor der Haustür.

Der Grund für diese Stadt ist eine Durchfahrt. Zwischen offenem Meer und einem großen Binnensee liegt hier ein schmaler Kanal, und wer ihn kontrolliert, kontrolliert einen der besten Naturhäfen des Mittelmeers. Die Phönizier begriffen das als Erste, im ersten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. Die Griechen nannten den Ort Hippo Diarrhytus, sinngemäß das von Wasser durchzogene Hippo; Rom und Byzanz schrieben Hippo Zarytus. Vandalen, Byzantiner und Araber lösten einander ab, ohne dass der Hafen seine Rolle verlor.

Unter den Hafsiden, ab dem 13. Jahrhundert, wurde Bizerte wieder ein Hafen, der zählte. Später kamen andalusische Flüchtlinge aus Spanien dazu und brachten Handwerk und Gartenbau mit. Ab den 1570er-Jahren gehörte die Stadt zum Osmanischen Reich, und aus dem alten Becken liefen Korsaren aus. Das Spanische Fort auf dem Hügel stammt von 1573; spanisch war daran vor allem der Name, den ihm die Nachwelt gab.

Das französische Protektorat ab 1881 änderte alles. Frankreich baute Bizerte zum Marinestützpunkt aus, hob einen neuen Handelshafen aus, sprengte einen breiteren Kanal und legte daneben eine europäische Stadt im geraden Raster an. Am Südufer des Sees entstand die Arsenalstadt Ferryville, heute Menzel Bourguiba. Wer durch die Straßen mit den Arkaden und den hohen Fensterläden geht, läuft durch dieses Kapitel.

Die Unabhängigkeit 1956 beendete es nicht, denn Frankreich behielt den Stützpunkt. Im Juli 1961 riegelte Tunesien ihn ab und stellte ein Ultimatum. Was vom 19. bis 23. Juli folgte, war kurz und sehr ungleich: Auf tunesischer Seite starben über tausend Menschen, viele davon Zivilisten. Der letzte französische Soldat verließ Bizerte am 15. Oktober 1963. In Tunesien ist dieses Datum Teil des nationalen Gedächtnisses, deutschen Besuchern sagt es meist nichts – Denkmäler und Straßennamen im Zentrum erinnern daran, warum die Stadt ihr militärisches Kapitel bis heute ernst nimmt.

Der Alte Hafen ist der Grund, herzukommen. Ein rechteckiges Becken, blau-weiße Fischerboote dicht an dicht, dahinter eine Häuserzeile in Ocker und Weiß. Weil hier gearbeitet und nicht dekoriert wird, sieht es morgens um sieben am besten aus: Netze werden sortiert, Kisten geschleppt, irgendjemand streicht einen Bootsrumpf. Am späten Nachmittag kommt das Licht von der richtigen Seite, und die Cafés an der Kaikante füllen sich mit Männern, die aufs Wasser schauen. Setzen Sie sich dazu, das ist die ganze Aktivität und sie genügt.

Daran schließt die Medina (Altstadt) an, klein und unaufgeregt, mit einem Markt, der für Einheimische da ist. Die Kasbah aus dem 17. Jahrhundert ist keine Ruine, sondern ein bewohntes Viertel hinter meterdicken Mauern: Man tritt durch ein Tor und steht in Gassen mit Wäscheleinen, Kindern und Katzen. Leise sein, nicht in Innenhöfe hineinfotografieren. Gegenüber liegt die kleinere Ksiba, in der ein ozeanografisches Museum untergebracht ist – bescheiden, aber ein ehrlicher Zwischenstopp. Das Spanische Fort darüber ist dreizehneckig, dient im Sommer als Freilichtbühne und liefert den Blick über Kanal, Stadt und Meer, der Ihnen sonst fehlen würde.

Das Umland trägt den Rest. Cap Blanc mit seinen weißen Klippen und Ras Angela, der nördlichste Punkt des afrikanischen Festlands – ein Schild, viel Wind, ein Foto, mehr nicht, aber ein Foto, das kaum jemand aus Ihrem Bekanntenkreis hat. Der Nationalpark Ichkeul, UNESCO-Welterbe, ist ein Berg mitten in einem Feuchtgebiet, im Winter voller Wasservögel. Nach Osten liegen die Strände von Rafraf und Sidi Ali El Mekki sowie Ghar El Melh mit seinen osmanischen Forts an der Lagune. Menzel Bourguiba am Südufer des Sees ist keine Sehenswürdigkeit, aber ein interessanter Umweg: eine französische Werftstadt, die jemand vergessen hat abzuräumen.

Bizerte hat Wasser im Überfluss, und das prägt alles. Der tunesische Norden ist grün, im Frühjahr fast irritierend grün, mit Weizenfeldern, Korkeichen und Kühen, wo Urlauber Wüste erwarten. Die Stadt selbst wirkt provinziell im besten Sinn: Man sitzt am Hafen, trinkt Kaffee, niemand hat es eilig. Wer Sie anspricht, ist meistens neugierig und will nichts verkaufen – Straßenverkauf und Teppichmasche sind hier kein Thema, weil schlicht zu wenige Touristen kommen. Deutsch spricht fast niemand, Französisch fast jeder, und mit Händen und Füßen kommt man erstaunlich weit. Gegessen wird, was am Morgen im Netz war: gegrillter Fisch, schlicht zubereitet, ohne Beilagenkunst.

Und nun ehrlich, denn sonst wären Sie vor Ort überrascht: Die Stadtstrände sind zum Anschauen da, nicht zum Baden; für sauberes Wasser müssen Sie raus nach Rafraf oder weiter. Der See litt jahrzehntelang unter Abwässern der Schwerindustrie am Südufer, und an manchen Stellen sieht und riecht man das. Die Corniche ist eine Reihe Betonbauten aus den Siebzigern, charmant ist daran wenig. Abends passiert außerhalb der Sommermonate wenig, die Restaurantauswahl ist überschaubar und viele Küchen schließen früh. Und wer eine durchsanierte Postkarten-Altstadt erwartet, wird enttäuscht: Bizerte ist eine arbeitende Hafenstadt mit Verkehr, abblätterndem Putz und Baustellen. Der schöne Teil ist klein. Man muss ihn mögen wollen.

Anreise — Flüge gehen nach Tunis-Karthago, von Frankfurt, München, Düsseldorf und Wien meist direkt oder mit einem Umstieg. Vom Flughafen sind es rund 65 km nach Bizerte, gut eine Stunde über die Autobahn A4. Mietwagen ist am bequemsten; günstiger fahren Sammeltaxis (louages) und Busse ab Tunis. Wer über Enfidha oder Djerba einreist, plant deutlich mehr Zeit ein: von Enfidha sind es rund zweieinhalb Stunden.

Vor Ort unterwegs — Alter Hafen, Medina und Corniche lassen sich zu Fuß erledigen. Für Ichkeul, Ras Angela, Rafraf oder Ghar El Melh brauchen Sie ein Auto oder ein ausgehandeltes Taxi; öffentlich ist das mühsam. Die alte Klappbrücke über den Kanal wird für Schiffe geöffnet und legt dann den Verkehr lahm – Pufferzeit einplanen, erst recht während der Bauarbeiten an der neuen Brücke.

Beste Reisezeit — Mai bis Juni und September bis Oktober: 24 bis 28 °C, warmes Meer, leere Wege. Juli und August sind heiß und ausgerechnet dann voll, weil halb Tunis hier Urlaub macht – ungünstig, wenn Sie an die deutschen oder österreichischen Sommerferien gebunden sind. Der Winter ist mild, grün und regnerisch, um 15 °C, und die beste Zeit für die Wasservögel im Ichkeul.

Gut zu wissen — Zur Unterkunft: Das Angebot ist dünn, ältere Hotels an der Corniche und ein paar kleine Gästehäuser in der Region. Viele kommen als Tagesausflug von Tunis, und das funktioniert. Zwei Übernachtungen lohnen sich trotzdem, drei, wenn Sie den ganzen Norden mitnehmen wollen. Bargeld mitnehmen, außerhalb des Zentrums wird Karte selten akzeptiert. In der Kasbah gilt: fragen, bevor Sie fotografieren. Und wer im Ichkeul Vögel sehen will, kommt früh am Morgen und bringt ein Fernglas mit, denn vor Ort leiht Ihnen keiner eines.