El Djem

La façade à arcades de l'amphithéâtre romain d'El Jem
Man sieht es schon von der Landstraße: ein römisches Amphitheater, das mitten in einer Kleinstadt steht, umgeben von Olivenhainen und flachen Häusern. El Djem gehört zu den größten Bauten seiner Art im ganzen Römischen Reich und steht seit 1979 auf der UNESCO-Welterbeliste. Der Besuch dauert zwei Stunden. Die Anfahrt lohnt sich trotzdem.

Die Stadt hieß Thysdrus und verdankte alles dem Olivenöl. Das Hinterland des Sahel war und ist ein einziger Olivenhain, und im 2. Jahrhundert lief der Handel damit über Thysdrus. Aus einem Marktflecken wurde binnen weniger Generationen eine der reichsten Städte der Provinz Africa – mit Villen, Mosaikböden und dem Ehrgeiz, das auch zu zeigen.

Genau das erklärt das Amphitheater. Ein Ort dieser Größe brauchte kein Stadion für 35.000 Zuschauer; die Stadt hatte kaum so viele Einwohner. Gebaut wurde es trotzdem, um die Mitte des 3. Jahrhunderts, vermutlich unter dem Prokonsul Gordian. Es war ein Prestigebau, bezahlt aus Öl, und er wurde nie ganz fertiggestellt.

Gordian ist auch der Grund, warum die Geschichte abrupt endet. 238 riefen ihn die Großgrundbesitzer der Region hier zum Kaiser aus, gegen Rom. Der Aufstand dauerte drei Wochen. Die Strafexpedition kam schnell, Thysdrus wurde geplündert, und die Stadt erholte sich nie wieder. Das Amphitheater blieb stehen, weil es zu massiv war, um es abzutragen.

Danach diente es allem Möglichen: Festung, Zufluchtsort, Steinbruch. Im 17. Jahrhundert ließ ein Bey eine Bresche in die Außenmauer schießen, um Aufständische herauszutreiben – die Lücke sieht man bis heute, und sie erklärt, warum eine Seite deutlich niedriger ist als die andere. Später wanderten ganze Wagenladungen Quader in die Häuser der Umgebung und bis nach Sousse.

Ausgegraben und gesichert wurde ab dem 19. Jahrhundert, 1979 kam der UNESCO-Titel. Seit den 1980er-Jahren finden im Sommer klassische Konzerte in der Arena statt. Der Bau hat also drei Leben hinter sich: Zirkus, Ruine, Konzertsaal.

Das Amphitheater ist der Grund für die Fahrt, und es hält, was das Foto verspricht. Die Fassade steht auf drei Arkadengeschossen, rund 35 Meter hoch, aus hellem Kalkstein, der im Nachmittagslicht warm wird. Anders als beim Kolosseum in Rom kann man hier fast überall hin: die Ränge hinauf bis unters Dach, außen herum, und vor allem hinunter in die Untergeschosse.

Die beiden Gänge unter der Arena sind der eigentliche Höhepunkt. Hier warteten Tiere und Kämpfer, hier liefen die Aufzüge, mit denen beides nach oben gebracht wurde. Man geht durch einen kühlen, gemauerten Korridor und kommt in der Mitte der Arena wieder heraus – die einzige Stelle, an der sich der Bau nicht wie ein Denkmal anfühlt, sondern wie eine Maschine.

Weil kaum jemand Absperrungen bewacht, ist der Rundgang frei und entsprechend selbstverantwortlich: Die Stufen sind ausgetreten, es gibt kaum Geländer, und wer schlecht zu Fuß ist oder Kinder dabeihat, sollte oben aufpassen.

Das Archäologische Museum liegt ein paar hundert Meter südlich und wird von den meisten Reisegruppen ausgelassen – zu Unrecht. Es zeigt Bodenmosaiken aus den Villen von Thysdrus, teils riesig, teils erstaunlich verspielt: Jagdszenen, Tiere, Weinranken. Nach dem Bardo in Tunis ist das eine der besten Mosaiksammlungen des Landes. Nebenan liegt das Ausgrabungsgelände der römischen Wohnviertel.

Vom zweiten, älteren Amphitheater etwas außerhalb ist wenig übrig; es lohnt sich nur für Leute, die schon alles andere gesehen haben. Für Amphitheater und Museum zusammen rechnen Sie mit zweieinhalb bis drei Stunden.

El Djem ist eine Kleinstadt mit einem Monument, das nicht zu ihr passt. Rundherum: Olivenhaine bis zum Horizont, ein Bahnhof, eine Hauptstraße, Cafés mit Plastikstühlen, Männer, die Karten spielen. Die Leute leben von Öl und Landwirtschaft, nicht vom Tourismus, und man merkt es an einer angenehm beiläufigen Freundlichkeit – niemand baut hier eine Show für Sie auf.

Das Verhältnis der Stadt zu ihrem Amphitheater ist praktisch: Es steht da, es war immer da, Kinder spielen an seinem Fuß Fußball. Diese Selbstverständlichkeit ist eigentlich das Schönste am Ort.

Und jetzt ehrlich: Außer dem Amphitheater und dem Museum gibt es nichts. Keine Medina, kein Strand, keine Promenade, kein Abendprogramm. Die Stadt selbst ist staubig und unspektakulär, mehrere Straßenzüge sind schlicht heruntergekommen. Der Besuch ist kurz, und wer einen ganzen Tag einplant, langweilt sich. Vor dem Eingang warten Souvenirstände und Männer mit Kamelen für Fotos; der Verkaufsdruck ist überschaubar, aber vorhanden. Im Hochsommer steht die Arena wie ein Backofen in der Sonne, und Schatten gibt es nur in den Untergeschossen. Wer das weiß, kommt am Morgen, bleibt zwei Stunden und fährt zufrieden weiter. Wer eine Stadt erwartet, wird enttäuscht.

Anreise — El Djem liegt rund 60 km südlich von Sousse und etwa 40 km von Mahdia, mitten im Landesinneren. Die meisten Deutschen und Österreicher kommen als Tagesausflug von Sousse, Monastir oder Hammamet, per Hotelbus oder mit einem gebuchten Fahrer. Deutlich angenehmer ist der Zug: Die Bahnlinie Tunis–Sfax hält direkt im Ort, der Bahnhof liegt wenige Gehminuten vom Amphitheater entfernt, und man sieht dabei etwas vom Land. Louages (Sammeltaxis) fahren ab Sousse ebenfalls regelmäßig.

Beste Reisezeit — März bis Mai und Oktober bis November, bei angenehmen 20 bis 27 °C. Im Juli und August liegen 35 bis 40 °C über der schattenlosen Arena; das ist machbar, wenn Sie vor zehn Uhr da sind, sonst nicht. Der Winter ist mild und fast leer – für Fotos die beste Zeit, weil kaum Gruppen unterwegs sind.

Vor Ort unterwegs — Alles zu Fuß. Vom Bahnhof zum Amphitheater sind es fünf Minuten, vom Amphitheater zum Museum knapp fünfzehn, bei Hitze nehmen Sie dafür ein Taxi. Ein Ticket deckt in der Regel beide Standorte ab – fragen Sie beim Kauf danach, sonst zahlen Sie zweimal.

Gut zu wissen — Feste Schuhe, die Stufen sind uneben. Hut und Wasser, es gibt oben keinen Schatten. Im Juli und August finden abends Konzerte in der Arena statt; das ist die eindrücklichste Art, den Bau zu erleben, aber die Termine wechseln jedes Jahr. Für eine Unterkunft ist El Djem kein Ort: zwei, drei einfache Häuser, mehr nicht. Man schläft in Sousse, Monastir oder Mahdia und kombiniert El Djem gut mit Kairouan an einem Tag – beides liegt im Landesinneren, beides ist UNESCO, und die Strecke dazwischen führt durch Olivenhaine, die für sich schon sehenswert sind.