Gegründet wurde Kairouan um 670 von Oqba ibn Nafi – nicht als Stadt, sondern als Feldlager. Das Wort qayrawan bedeutet genau das: Lagerplatz. Die Araber brauchten einen Stützpunkt weit genug vom Meer, um vor byzantinischen Flotten sicher zu sein, und weit genug von den Bergen, um die Berberstämme im Blick zu behalten. Die trockene Ebene war kein Versehen, sondern militärische Logik.
Aus dem Lager wurde die erste große muslimische Stadt des Maghreb und die Hauptstadt der Ifriqiya – jener Provinz, aus deren Namen später Tunesien wurde. Von hier aus wurde der westliche Maghreb islamisiert, von hier aus zogen die Truppen Richtung Spanien. Kairouan war Verwaltungssitz, Garnison und Gelehrtenstadt zugleich.
Die Blütezeit kam im 9. Jahrhundert unter den Aghlabiden, einer Dynastie, die dem Kalifen in Bagdad formal unterstand und praktisch tat, was sie wollte. In diesen hundert Jahren entstand fast alles, was Sie heute besichtigen: die Große Moschee in ihrer heutigen Form, die riesigen Wasserbecken vor den Toren, das Netz aus Zisternen und Kanälen. Rechtsgelehrte aus Kairouan prägten die malikitische Rechtsschule, die bis heute in Nordafrika dominiert.
Dann ging es bergab, und zwar gründlich. Im 10. Jahrhundert verlegten die Fatimiden ihr Zentrum an die Küste nach Mahdia – Kairouan verlor die Macht und behielt die Moscheen. Im 11. Jahrhundert plünderten die einfallenden Hilalier-Stämme die Stadt; sie erholte sich nie wieder als politische Größe. Tunis übernahm. Die Karawanen nahmen andere Wege, die Steuern flossen anderswohin. Was blieb, war der religiöse Rang: Kairouan gilt als vierte heilige Stadt des Islam nach Mekka, Medina und Jerusalem – ein Titel, den keine Behörde je verliehen hat und den trotzdem jeder kennt. Seit 1988 steht die Medina auf der UNESCO-Welterbeliste. Die Stadt lebt heute mit dem Widerspruch, geistlich bedeutend und wirtschaftlich abgehängt zu sein.
Die Große Moschee (Sidi-Oqba-Moschee) sieht von außen aus wie eine Festung: ockerfarbene Mauern, wuchtige Strebepfeiler, ein dreistöckiger Minarettturm, der eher an einen Wachturm erinnert. Das ist kein Zufall, die Stadt war lange Grenzgebiet. Innen öffnet sich ein weiter, gepflasterter Hof, in dessen Mitte eine Sammelrinne das Regenwasser in die Zisterne führt. Der Gebetssaal ist Muslimen vorbehalten; Nichtmuslime schauen von der Schwelle aus hinein – und sehen genug: einen Wald antiker Säulen, römisch und byzantinisch, aus älteren Ruinen zusammengetragen, jede ein bisschen anders. Zugänglich ist für Sie also der Hof, und der ist die Reise wert.
Die Medina (Altstadt) ist ein Rechteck von rund drei Kilometern Mauer, weiß gekalkt, mit blauen und grünen Türen. Die Hauptachse gehört den Teppichhändlern, die Nebengassen dem normalen Leben: Bäcker, Schmiede, Kinder auf dem Heimweg. Verlaufen ist hier schwer und trotzdem lohnenswert.
Die Aghlabiden-Becken vor dem Nordtor sind zwei offene Wasserbecken aus dem 9. Jahrhundert, das größere rund 128 Meter im Durchmesser. Nüchtern betrachtet: zwei große runde Löcher. Wenn man sich klarmacht, dass diese Ingenieurleistung 1.200 Jahre alt ist und die Stadt tatsächlich versorgt hat, wird daraus etwas anderes. Von der Terrasse hat man den besten Überblick.
Die Zaouia Sidi Sahbi, das sogenannte Barbier-Mausoleum, ist der farbigste Ort der Stadt: Fliesen, Stuck, Innenhöfe, und meist tunesische Familien, die nicht als Touristen hier sind, sondern zum Beten. Leise sein ist selbstverständlich. Die Moschee der Drei Tore ist klein, nur von außen zu betrachten und wegen ihrer geschnitzten Fassade aus dem 9. Jahrhundert interessant – zwei Minuten, kein Halbtagesprogramm. Ein Kombiticket deckt in der Regel die Hauptmonumente ab; man kauft es am ersten Standort und behält es.
Kairouan ist eine Stadt aus Glauben und Wolle. Der religiöse Rang zieht das ganze Jahr über tunesische Besucher an – man kommt mit der Familie, besucht die Heiligtümer, fährt mit einer Schachtel Gebäck wieder nach Hause. Das ist kein Kulissenbetrieb für Ausländer, sondern der eigentliche Tourismus dieser Stadt, und Sie sind darin Gast.
Die zweite Säule ist der geknüpfte Teppich. Er wird bis heute in Wohnhäusern gewebt, oft von Frauen im Nebenerwerb, und in den Läden der Medina stapelt er sich meterhoch. Dazu der Makroudh: frittierte Grießrauten mit Dattelfüllung, in Honig getaucht, überall erhältlich und ehrlicherweise ziemlich süß.
Und was enttäuscht? Einiges, sagen wir es offen. Außerhalb der Monumente ist Kairouan eine arme, staubige Provinzstadt ohne Uferpromenade, ohne Cafészene, ohne den Charme, den Sidi Bou Saïd oder Tozeur mitliefern. Der Sommer ist brutal: keine Meeresbrise, vierzig Grad im Juli und August sind normal, und Schatten gibt es nur in den Höfen. Der Verkaufsdruck bei den Teppichen ist real – organisierte Ausflüge bauen fast immer einen Werkstattbesuch ein, mit Tee, ausgerollten Teppichen und einer sehr eingeübten Rede. Wer nicht kaufen will, sagt das früh und freundlich, und es passiert nichts weiter. Und die Große Moschee betritt man eben nur bis zum Hof; wer das Innere erwartet, geht enttäuscht. Kairouan belohnt Interesse an Geschichte, nicht die Suche nach Postkartenidylle.
Anreise — Von Sousse sind es rund 60 km, etwa eine Stunde Fahrt; von Hammamet gut 100 km, von Tunis rund 150 km. Einen Bahnanschluss gibt es nicht. Sie haben drei Möglichkeiten: Louage (das tunesische Sammeltaxi, fährt ab, wenn es voll ist), Reisebus oder Mietwagen. Die meisten Deutschen und Österreicher kommen als Tagesausflug mit dem Hotel oder einem gebuchten Fahrer – bequem, aber mit dem erwähnten Teppich-Stopp im Programm. Ein Mietwagen gibt Ihnen die Freiheit, diesen Punkt auszulassen.
Beste Reisezeit — Frühling und Herbst, ohne Diskussion: März bis Mai und Oktober/November liegen tagsüber angenehm bei 20 bis 27 °C. Der Winter ist tagsüber mild, nachts richtig kalt – Jacke einpacken. Juli und August mit 40 °C sind machbar, wenn Sie früh starten und mittags pausieren, aber angenehm ist anders. Die deutschen Sommerferien fallen genau in diese Hitze; wer flexibel ist, kommt in den Herbstferien.
Vor Ort unterwegs — Die Medina, die Große Moschee und die Moschee der Drei Tore erreichen Sie zu Fuß; zwischen den Innenstadtzielen sind es jeweils zehn bis fünfzehn Minuten, in der Mittagshitze fühlt sich das länger an. Die Aghlabiden-Becken, Sidi Sahbi und Raqqada liegen außerhalb; dafür nehmen Sie ein Stadttaxi, das ist unkompliziert und günstig.
Gut zu wissen — Kleiderordnung: Schultern und Knie bedeckt, für alle. Frauen nehmen für die Heiligtümer ein Tuch mit; in Sidi Sahbi wird es erwartet. Flaches Schuhwerk spart Nerven, weil Schuhe mehrfach ausgezogen werden. Fotografieren Sie keine Betenden. Ein halber Tag reicht für die vier großen Sehenswürdigkeiten. Ein voller Tag oder eine Übernachtung lohnt sich trotzdem: Die Medina am frühen Morgen, bevor die Busse kommen, ist eine andere Stadt als die um elf Uhr.