La Marsa

La Marsa
La Marsa ist kein Ort zum Abhaken, sondern zum Bleiben. Der Badevorort von Tunis liegt am Ende der TGM-Bahn: eine Strandpromenade für den Abendspaziergang, Cafés unter Trauerweiden, ein breiter Sandstrand — und fast keine Sehenswürdigkeit im klassischen Sinn. Man wohnt hier ruhig, zwanzig Minuten von der Hauptstadt und wenige Minuten von Karthago und Sidi Bou Saïd entfernt.

Der Name sagt alles und stimmt trotzdem nicht mehr: marsa heißt auf Arabisch Hafen oder Ankerplatz. Einen Hafen gibt es hier längst nicht mehr. In der Antike gehörte die Gegend zu Megara, dem grünen Vorort des punischen Karthago — Gärten, Obsthaine, Häuser außerhalb der Mauern. Erhalten ist davon nichts.

Anfang des 16. Jahrhunderts wählte der hafsidische Sultan Abû Abd Allah Muhammad al-Mutawakkil diesen Küstenstreifen für seine Sommer und ließ in einem Park Paläste errichten, die Abdelliya. Das ist die Geburtsurkunde von La Marsa: der Ort, an dem die Macht Luft holt, wenn Tunis im Sommer unerträglich wird.

Die Muradiden und später die Husseiniden behielten die Gewohnheit bei. Ab dem frühen 19. Jahrhundert zogen die Beys von Tunis jedes Jahr von Mai bis September mit Hofstaat und Ministern hierher. Mahmoud Bey ließ Dar El Taj bauen, Mohammed Bey es um 1855 erweitern; dazu kam Koubet El Haoua, ein Pavillon direkt am Wasser, der das fürstliche Baden vor fremden Blicken schützen sollte.

Wo der Hof ist, kommt der Rest nach: Konsuln, Diplomaten, große Familien aus Tunis, Kaufleute — jeder wollte sein Sommerhaus in La Marsa. Für ein paar Monate im Jahr war das Dorf die politische Hauptstadt des Landes.

Daher auch das schwerste Datum seiner Geschichte. Am 8. Juni 1883 unterzeichneten Ali III. Bey und der französische Generalresident Paul Cambon in einem dieser Paläste die Konvention von La Marsa. Sie ergänzte den Vertrag von Bardo (1881), stellte die Finanzen unter Aufsicht und benutzte erstmals das Wort Protektorat. Die Macht des Beys war ab da Fassade.

Gebaut wurde trotzdem weiter: Naceur Bey errichtete den Palast Essaâda für seine Frau Lalla Kmar, 1912 entstand die Gemeinde. Nach der Unabhängigkeit ging es schnell — Dar El Taj, wo die Konvention unterschrieben worden war, wurde 1958 abgerissen; geblieben sind Postkarten. Den Rest erledigte die Vorstadt: die TGM-Bahn fuhr schon ab 1872, danach kamen Villen, Schulen, Botschaften. Aus der Sommerresidenz der Beys wurde ein Viertel, in dem man das ganze Jahr wohnt.

Gleich vorweg: In La Marsa gibt es keine Sehenswürdigkeiten zum Abhaken. Kein Ticket, kein Rundgang mit Pfeilen. Was von den Palästen der Beys übrig ist, wird bewohnt, ist geschlossen oder verfällt — der Reiz der Stadt liegt woanders.

Der Palast Essaâda, für Lalla Kmar erbaut, beherbergt heute das Rathaus: Fassade und Gärten sieht man von der Straße, das Innere höchstens bei einer Hochzeit. Der ältere, restaurierte Palast Abdelliya dient als Kulturzentrum und öffnet für Kunstausstellungen, die oft überraschend gut sind — die einzige realistische Gelegenheit, einen Palast von innen zu sehen. Ohne Ausstellung: Tür zu. Koubet El Haoua, die Kuppel am Wasser, ist das fotogenste und das baufälligste Gebäude der Stadt, inzwischen geräumt; man betrachtet es aus der Distanz. Dar El Kamila, ein weiterer Beypalast, ist Residenz des französischen Botschafters.

Was man wirklich ansehen kommt, kostet nichts. Die Strandpromenade zwischen dem Hügel von Sidi Bou Saïd und dem Kap Gammarth füllt sich ab dem späten Nachmittag mit Familien, Joggern und Leuten, die schlicht nichts tun. Der Strand ist breit, mitten in der Stadt und gut besucht, von Cafés gesäumt. Das Café Saf-Saf am zentralen Platz, unter Trauerweiden, hat eine Säulenterrasse rund um einen alten hafsidischen Schöpfbrunnen, den bis heute ein Dromedar in Bewegung setzt — näher kommt La Marsa einem Monument nicht. Dazu Markt und Einkaufsstraßen mit Fischhändlern, Konditoreien und Buchläden.

Gammarth im Norden gehört noch zur Gemeinde: Klippenstraße, ruhigere Buchten, Hotels, Restaurants und ein französischer Soldatenfriedhof, der an den Tunesienfeldzug 1943 erinnert. Für einen Rundgang zu Fuß reicht ein halber Tag; ein ganzer Abend lohnt sich, wenn man das Flanieren ernst nimmt.

La Marsa ist der Ort, an dem die Hauptstädter durchatmen. Französisch und Arabisch wechseln sich im selben Satz ab, oft am selben Tisch. Das französische Gymnasium Gustave Flaubert, die Hochschulen nebenan, die Botschaften und eine zurückgekehrte Diaspora ergeben eine eigene Mischung: tunesische Angestellte, Expats, Studierende und Rentner, Schulter an Schulter auf derselben Promenade.

Tagsüber wirkt die Stadt ruhig, fast verschlafen. Sie wacht am späten Nachmittag auf: Die Promenade füllt sich, die Terrassen auch, vor den Eisdielen steht man an, und das zieht sich bis spät. Gegessen wird gegrillter Fisch, Brik, Kefteji, Fricassé im Stehen; getrunken werden Tee mit Pinienkernen und sehr kurze Kaffees, dazu Karten. Im Sommer ist alles draußen und die Einwohnerzahl verdoppelt sich.

Und jetzt das, was enttäuscht. La Marsa ist im Vergleich zum Rest des Landes teuer, das merkt man überall. Der Strand ist im August rappelvoll und nicht immer sauber: Flaschen, Tüten, je nach Wind ein zweifelhafter Schaumrand. Der Verkehr auf der Durchgangsachse ist zum Schulschluss zäh, und einen Parkplatz zu finden ist Nahkampf. Ein Teil der neueren Bebauung ist schlicht belanglos — beige Blocks und grelle Leuchtschriften zwischen alten Villen. Wer ein pittoreskes Dorf wie Sidi Bou Saïd erwartet, fährt enttäuscht wieder ab: Das hier ist eine echte Stadt, mit Stau und mit Einwohnern.

Anreise — Direktflüge nach Tunis-Karthago gibt es ab Frankfurt und München, ab Wien saisonal; der Flug dauert rund zweieinhalb bis drei Stunden. Vom Flughafen sind es nur etwa 15 km bis La Marsa, mit dem Taxi je nach Verkehr 25 bis 40 Minuten. Aus der Innenstadt fährt die TGM-Bahn ab Tunis Marine am Ende der Avenue Bourguiba die Küste hoch: La Goulette, Karthago, Sidi Bou Saïd, dann La Marsa mit den Halten La Corniche und Marsa-Plage (Endstation). Knapp eine halbe Stunde. Es ist die älteste Bahnlinie des Landes und regelmäßig Baustelle — mehrtägige Unterbrechungen kommen vor, also am Vortag prüfen.

Beste Reisezeit — Mai bis Oktober für Baden und Abendbetrieb. Juli und August bringen 32 bis 35 °C, volle Strände und die halbe Hauptstadt dazu, genau die Wochen der Sommerferien. Angenehmer sind Mai, Juni und vor allem September und Oktober: Das Meer hat dann noch über 24 °C, die Straßen sind ruhiger. Der Winter ist mild mit 15 bis 18 °C, aber windig; auf der Promenade bläst es ungebremst.

Vor Ort unterwegs — Zentrum, Markt, Strand und Promenade macht man komplett zu Fuß. Nach Gammarth und zu den nördlichen Buchten braucht es ein Taxi; die Straße entlangzulaufen macht keinen Spaß. Gelbe Taxis gibt es reichlich, sie fahren nach Taxameter — freundlich darum bitten, dass es eingeschaltet wird.

Gut zu wissen — Ein halber Tag reicht für die Stadt selbst; als Unterkunft und Standquartier lohnt sich La Marsa für zwei bis fünf Nächte, denn Karthago liegt wenige Minuten mit der Bahn entfernt, Sidi Bou Saïd eine Station weiter und die Medina von Tunis eine halbe Stunde — ein Tagesausflug ist von hier aus jeweils müheloser als umgekehrt. Der Strand ist öffentlich, flach abfallend und nur unregelmäßig bewacht; die Wasserqualität schwankt je nach Abschnitt und Saison, Richtung Gammarth ist sie meist besser. Badekleidung bleibt am Sand, in der Stadt zieht man sich normal an.