Die Höhlenwohnungen von Matmata sind keine Attraktion, die jemand erfunden hat, sondern eine Antwort auf ein Klimaproblem. Im Sommer klettert das Thermometer hier über 45 °C, im Winter fällt es nachts nahe an den Gefrierpunkt. Wer sich in den weichen Fels eingräbt, wohnt bei gleichbleibenden Temperaturen um die 20 °C – ohne Strom, ohne Technik, allein durch die Masse des Gesteins.
Das Prinzip ist immer dasselbe: Man hebt einen runden oder rechteckigen Schacht von sechs bis zehn Metern Durchmesser und mehreren Metern Tiefe aus. Dieser offene Hof wird das Zentrum des Hauses. Von ihm aus treibt man die Wohnräume waagerecht in die Wand, gewölbt, mit einer schmalen Tür. Ein schräger Gang verbindet den Hof mit der Oberfläche. Oben sieht man nichts als Löcher in einer kahlen Hügellandschaft.
Bewohnt wird die Gegend von berberischsprachigen Familien; das Matmata-Gebiet gehört zu den Regionen Tunesiens, in denen sich Tamazight am längsten gehalten hat. Wie alt die Bauweise genau ist, lässt sich nicht seriös sagen – schriftliche Quellen fehlen weitgehend, und die Höfe wurden über Generationen erweitert und wieder aufgegeben.
Der Wendepunkt kam 1969. Nach wochenlangen Regenfällen weichten die Wände auf, zahlreiche Höfe stürzten ein, und viele Familien verloren ihr Haus. Der Staat baute daraufhin das oberirdische Matmata Nouvelle einige Kilometer entfernt. Ein Teil der Bewohner zog dorthin, ein Teil blieb.
1976 drehte George Lucas in einer dieser Grubenwohnungen Innenaufnahmen für Star Wars; das Haus ist bis heute ein Hotel. Seither kommen Reisebusse. Für den Ort war das wirtschaftlich die Rettung und kulturell eine zweischneidige Sache.
Zu sehen gibt es hier keine Monumente, sondern eine Bauweise – und die versteht man erst, wenn man in einem der Höfe steht. Von oben wirkt die Landschaft leer: graubraune Hügel, ein paar Feigenbäume, dazwischen kreisrunde Öffnungen im Boden. Erst unten wird aus dem Loch ein Haus, mit Vorratsnischen, Ölmühle, Webstuhl und einem Stück Himmel als Decke.
Mehrere Familien öffnen ihre Höhlenwohnung für Besucher. Das ist ein Geschäft, und es wird auch so betrieben: Man wird hereingebeten, bekommt einen Tee, sieht die Räume, gibt etwas. Die Erfahrung schwankt stark, je nachdem, bei wem man landet – wer außerhalb der Busankunftszeiten kommt, bekommt eher ein Gespräch als eine Vorführung.
Das Hotel Sidi Driss ist die Star-Wars-Adresse: mehrere verbundene Höfe, in denen 1976 die Innenräume der Lars-Farm gedreht wurden, samt einiger stehen gebliebener Dekorationen. Als Hotel ist es einfach, als Ort für einen Kaffee und ein Foto funktioniert es gut.
Interessanter als Matmata selbst ist für viele die Umgebung. Toujane, ein Bergdorf an einem Hang, gilt als eines der schönsten des Südens; die Straße dorthin ist kurvig und großartig. Tamezret ist ein Berberdorf mit einem kleinen privaten Museum und einem Café mit Aussicht über die Ebene. Und Matmata Nouvelle, der Neubauort, ist auf seine Art aufschlussreich: gerade Straßen, Betonhäuser, und im Sommer drinnen deutlich heißer als in den alten Gruben.
Für Matmata reichen zwei bis drei Stunden. Mit Toujane und Tamezret wird ein guter Tag daraus.
Matmata ist karg, und das ist keine Kritik. Die Landschaft besteht aus Stein, Staub und ein paar Olivenbäumen; Farbe gibt es nur am Himmel und an der Wäsche in den Höfen. Die Menschen sind zurückhaltend, freundlich und deutlich weniger touristenroutiniert als an der Küste – wenn man sich Zeit nimmt, wird aus dem Besuch ein Gespräch.
Es ist außerdem ein Ort, an dem man einen praktischen Zusammenhang begreift: Bauen mit dem Klima statt gegen es. Wer im Juli aus 45 Grad Sonne in einen Grubenhof hinuntersteigt, versteht in fünf Sekunden mehr über Architektur als in einem Museum.
Und jetzt ehrlich: Matmata ist ein Bus-Stopp geworden. Die meisten Gruppen kommen von Djerba, bleiben zwischen zehn und dreißig Minuten, fotografieren einen Hof und fahren weiter. Entsprechend inszeniert sind manche Besuche – ein Kamel am Eingang, eine Frau am Webstuhl auf Kommando, Souvenirs im Vorraum. Dahinter steht echte Armut: Die Region ist arm, die Höfe sind teilweise schlecht instand, und ein Teil des Dorfes lebt inzwischen von diesen zwanzig Minuten. Wer nur mit dem Bus kommt, sieht davon nichts und nimmt eine Karikatur mit. Wer selbst fährt, früh oder spät kommt und in Toujane oder Tamezret weiterfährt, sieht eine ganz andere Gegend. Der Unterschied zwischen beiden Besuchen ist enorm.
Anreise — Matmata liegt rund 40 km südwestlich von Gabès, im Bergland des Südens. Die meisten Deutschen und Österreicher kommen als Tagesausflug von Djerba – gut 150 km, je nach Fährverkehr zwei bis zweieinhalb Stunden pro Richtung. Von Tozeur sind es etwa 250 km. Ohne eigenes Fahrzeug ist man auf organisierte Ausflüge oder ein Louage über Gabès angewiesen; Letzteres funktioniert, kostet aber einen halben Tag.
Beste Reisezeit — Oktober bis April. Tagsüber sind dann 18 bis 24 °C angenehm, nachts wird es kalt, im Januar teilweise um 5 °C. Von Juni bis September liegen die Höchstwerte bei 40 bis 45 °C; oben in der Landschaft ist das anstrengend, unten in den Höfen erstaunlich erträglich – das ist ja der ganze Punkt. Die deutschen Sommerferien sind hier die schlechteste Zeit, die Herbst- und Osterferien die beste.
Vor Ort unterwegs — Die Höfe liegen verstreut über mehrere Kilometer Hügelland, zu Fuß kommt man nur zu wenigen. Mietwagen oder Fahrer sind praktisch Pflicht, wenn Sie mehr als den Standard-Stopp sehen wollen. Die Straßen sind schmal und kurvig, aber in ordentlichem Zustand; nach Toujane geht es steil bergab, mit Aussicht.
Gut zu wissen — Wenn Sie eine bewohnte Grubenwohnung besuchen: Es sind Privathäuser. Fragen, bevor Sie fotografieren, und ein Trinkgeld ist selbstverständlich. Feste Schuhe, die Zugangsrampen sind uneben und bei Nässe rutschig. Übernachten ist möglich – mehrere Grubenhotels vermieten Zimmer in den Kammern, einfach, aber ein Erlebnis, und nachts ist es dort vollkommen still. Wer im Süden unterwegs ist, kombiniert Matmata sinnvoll mit Toujane, Tamezret und den Ksour-Dörfern Richtung Tataouine.