Sidi Bou Saïd

Sidi_Bou_Saïd_Story
Sidi Bou Saïd ist das meistfotografierte Dorf Tunesiens – und es zahlt einen Preis dafür. Wer mittags im August kommt, steht in einer Schlange aus Reisegruppen und Souvenirläden. Wer früh morgens, spät nachmittags oder außerhalb der Saison kommt, versteht dagegen sofort, warum alle herwollen: ein bewohntes weißblaues Dorf über dem Golf von Tunis, keine Kulisse. Seit Juli 2026 UNESCO-Welterbe.

Der Felsvorsprung über dem Golf war lange vor dem Dorf interessant: Punier und Römer nutzten ihn als Beobachtungsposten, von hier aus sah man jedes Segel, das auf Karthago zuhielt. Nach der arabischen Eroberung entstanden ein Ribat und ein Feuerturm, der den Schiffen den Weg wies – daher der alte Name Djebel el-Menar, Berg des Leuchtfeuers. Verteidigung und Navigation, nicht Aussicht: Das Panorama, für das heute alle kommen, war damals reiner Nebeneffekt.

Den heutigen Namen verdankt der Ort Abou Saïd al-Baji (1156–1231), einem Sufi-Meister, der sich hier niederließ und bald als Schutzpatron der Seeleute galt. Sein Grab wurde zum Wallfahrtsziel, das Dorf wuchs darum herum. Im 18. Jahrhundert ließ Hussein I. Bey Zaouia und Moschee ausbauen; seitdem hat Sidi Bou Saïd seine bis heute gültige Form – eine einzige ansteigende Gasse, an der alles hängt. Sufi-Bruderschaften prägten den Ort über Jahrhunderte, und die Zaouia ist bis heute Gebetsstätte, kein Museum.

Das berühmte Weiß-Blau ist jünger, als die meisten annehmen, und es ist Vorschrift. Der Baron Rodolphe d’Erlanger (1872–1932), französisch-britischer Maler und Musikwissenschaftler, baute hier seinen Palast Ennejma Ezzahra und setzte sich für das Ortsbild ein. Ein Dekret vom August 1915 schrieb Kalkweiß und ein bestimmtes Blau verbindlich vor – einer der weltweit ersten Texte dieser Art überhaupt. Tradition und bewusste Inszenierung des frühen 20. Jahrhunderts sind hier also nicht zu trennen: Wer heute durch die Gasse geht, bewegt sich durch ein Ortsbild, das seit über hundert Jahren streng verwaltet wird.

Danach kam, was kommen musste: Künstler. Paul Klee malte hier, André Gide und Michel Foucault wohnten zeitweise im Ort, und der Ruf als Künstlerdorf hält sich seit über hundert Jahren. Im Juli 2026 hat die UNESCO das Dorf auf die Welterbeliste gesetzt – als eigenständige Stätte, nicht als Anhängsel von Karthago. Was das langfristig für Besucherzahlen und Mietpreise bedeutet, wird man sehen; die Einheimischen diskutieren es jedenfalls lebhaft.

Die Rue Habib Thameur ist die eine Gasse, um die es geht: gepflastert, eng, steil, und tagsüber der Ort, an dem sich sämtliche Reisegruppen sammeln. Die Fassaden sind tatsächlich so schön wie auf den Fotos, die Läden dahinter verkaufen weitgehend dasselbe. Der Trick ist banal und funktioniert trotzdem: nach zwanzig Metern in eine Seitengasse abbiegen. Dort stehen die Häuser, die keiner fotografiert, und dort wohnen Leute.

Das Café des Nattes sitzt in einer ehemaligen Moschee – rote Treppe, Binsenmatten, niedrige Bänke – und schaut auf das Mausoleum von Sidi Bou Saïd, das ein aktiver Kultort ist und kein Fotomotiv. Das Café Sidi Chabaane klebt in mehreren Terrassenstufen an der Klippe; die Aussicht auf den Golf ist schlicht unschlagbar, der Preis für den Minztee entsprechend. Beide sind touristisch, beide sind trotzdem gut – man muss nur wissen, dass man hier für die Lage zahlt.

Ennejma Ezzahra, der Palast des Barons d’Erlanger, ist die Sehenswürdigkeit, die die meisten Tagesausflügler auslassen – zu Unrecht. Bemalte Decken, Terrassengärten, eine bemerkenswerte Sammlung arabischer Musikinstrumente, und als Zentrum für arabische und mediterrane Musik gibt es regelmäßig Konzerte. Die Gärten fallen in Stufen zum Meer ab; man kann dort erstaunlich lange sitzen, ohne dass jemand vorbeikommt. Dafür allein lohnt sich der Abstecher.

Dazu kommen: Dar el-Annabi, ein Notabelnhaus, das zeigt, wie hinter den blauen Türen tatsächlich gewohnt wurde; der Leuchtturm auf dem alten Djebel el-Menar; der Seemannsfriedhof mit weißen Stelen, die über dem Hang zu schweben scheinen – der stillste Ort im ganzen Dorf; und unten am Wasser der Yachthafen mit einem kleinen Strand. Der Abstieg dorthin ist angenehm, der Rückweg hoch ist Sport.

Sidi Bou Saïd riecht nach Jasmin, frischem Kalk und Grillkohle. An den Ecken werden Machmoum verkauft – kleine Jasminsträußchen, die die Männer sich hinters Ohr klemmen – und aus den Buden kommen Bambalouni, frittierte Zuckerkringel, die man heiß essen muss oder gar nicht. Das Dorf hat mehrere tausend Einwohner. Es ist bewohnt, nicht kuratiert. Katzen gibt es ungefähr so viele wie Touristen, sie sind nur besser organisiert.

Der Tag hat einen klaren Rhythmus. Früh gehört die Gasse den Lieferanten, den Katzen und einem sehr flachen Licht. Zwischen zehn und dem späten Nachmittag rollen die Reisebusse in Wellen an. Danach kippt es zurück, und das Dorf wird wieder das, was auf den Postkarten steht. Wer nur zwischen zwei Bussen hier ist, sieht den Ort nie.

Und jetzt ehrlich: Mittags im August ist Sidi Bou Saïd eine Enttäuschung. Man steht in einem Korridor aus identischen Souvenirläden und fotografiert eine blaue Tür, die dreißig andere Leute im selben Moment fotografieren. Die Kreuzfahrtgruppen kommen gebündelt, sonntags kommt halb Tunis dazu, und in den Cafés mit der berühmten Aussicht zahlt man für ein Getränk, was im Rest des Landes ein Mittagessen kostet – niemand zwingt einen dazu, aber der Ärger darüber ist echt. Die gute Nachricht: Das ist kein Wesenszug des Ortes, sondern eine Frage der Uhrzeit. Zwei Stunden früher oder später ist es ein anderes Dorf.

Anreise — Direktflüge nach Tunis-Karthago gibt es ab Frankfurt, München und Wien, Flugzeit rund zweieinhalb bis drei Stunden. Vom Flughafen sind es etwa 15 km, mit dem Taxi je nach Verkehr 25 bis 40 Minuten. Aus Tunis fährt die TGM, die Vorortbahn ab Tunis Marine, bis zur Station Sidi Bou Saïd; von dort geht es zu Fuß 10 bis 15 Minuten steil bergauf, der Weg ist aber nicht zu verfehlen. Taxi von Tunis, Karthago oder La Marsa ist unkompliziert. Mit dem Mietwagen anzureisen ist in der Saison die schlechteste Idee: Parken ist ein echtes Problem.

Beste Reisezeit — Frühjahr und Herbst, ohne lange Diskussion. April bis Juni und September bis Anfang November liegen tagsüber angenehm bei etwa 20 bis 28 °C. Juli und August bringen Hitze, Kreuzfahrtschiffe und Sonntagsausflügler gleichzeitig. Wer an die deutschen oder österreichischen Sommerferien gebunden ist, kommt früh morgens oder in der letzten Stunde vor Sonnenuntergang – und meidet den Wochenendnachmittag.

Vor Ort unterwegs — Ausschließlich zu Fuß. Das Kopfsteinpflaster ist abgelaufen und bei Nässe rutschig, flache Schuhe sind keine Empfehlung, sondern Pflicht. Die Hauptgasse steigt kräftig an; hinunter zum Hafen ist es leicht, hinauf ehrlich anstrengend. Für das Dorf reicht ein halber Tag, mit Ennejma Ezzahra, Hafen und Mittagessen wird ein ganzer daraus. Klassischer Tagesausflug: vormittags Karthago, danach Sidi Bou Saïd – dieselbe Bahnlinie, keine Planung nötig.

Gut zu wissen — Eine Unterkunft im Ort verändert den Besuch komplett, weil man vor dem ersten und nach dem letzten Bus draußen ist; die wenigen Häuser oben im Dorf sind allerdings teuer. Die Zaouia ist Gebetsstätte, keine Sehenswürdigkeit: bedeckte Kleidung, leise sein. Hinter den blauen Türen wohnen Menschen – nicht aufdrücken, und Personen vorher fragen, bevor man sie fotografiert. Mitte August füllt die Kharja, das Fest der Bruderschaft, die Gassen mit Einheimischen; laut, voll und deutlich sehenswerter als der Normalbetrieb.