Gegründet haben Sousse phönizische Händler aus Tyros, ungefähr im 9. Jahrhundert v. Chr. – also zur selben Zeit wie Karthago. Hadrumetum hieß der Ort damals, und er hatte, was zählte: eine geschützte Reede und Land für Olivenbäume. Nach der Niederlage bei Zama 202 v. Chr. zog sich Hannibal hierher zurück. Als es später ernst wurde, entschied sich Hadrumetum für Rom. Karthago wurde geschleift, Sousse wurde freie Stadt – manchmal zahlt sich die richtige Feigheit eben aus.
Unter Rom stieg die Stadt zur Hauptstadt der Byzacena auf und wurde der Umschlagplatz für das Olivenöl des Sahel. Trajan verlieh ihr den Rang einer Kolonie. Aus dieser Zeit stammen die Mosaiken, die heute im Museum liegen. Parallel wuchs unter der Stadt etwas ganz anderes: ein christliches Bestattungsnetz von rund fünf Kilometern Länge mit etwa 15.000 Gräbern – in Nordafrika gibt es dafür kein zweites Beispiel dieser Größe.
434 nahmen die Vandalen die Stadt und richteten Schaden an. Im 6. Jahrhundert holten die Byzantiner sie zurück, bauten sie wieder auf und tauften sie Justinianopolis; die gewaltigen Sofra-Zisternen gehen im Kern auf diese Jahre zurück. Ende des 7. Jahrhunderts kam die arabische Eroberung, und Sousse bekam die Rolle, die es prägen sollte: Hafen für das im Landesinneren gelegene Kairouan und Flottenstützpunkt. 827 stach von hier aus die Eroberung Siziliens in See.
Was Sie heute fotografieren, haben im Wesentlichen die Aghlabiden gebaut: das Ribat, die kleine Bou-Ftata-Moschee, die Große Moschee um 850, die Stadtmauern um 859. Danach wurde es lange still – Überfälle, Beschießungen, wenig Glanz. Das französische Protektorat brachte modernen Hafen, Eisenbahn und ein europäisches Viertel, die 1960er die Industrie. 1988 nahm die UNESCO die Medina in ihre Liste auf – spät genug, dass hinter den Mauern bis heute ganz normal gewohnt, gehandelt und gestritten wird und nicht bloß Souvenirs verkauft werden.
Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten liegen dicht beieinander, das ist der große Vorteil dieser Stadt. Die Medina (Altstadt) ist ein Viereck aus ockerfarbenen Mauern mit rund zwei Kilometern Umfang, und sie ist bewohnt: Wäscheleinen, Mopeds, Gemüsekisten, Lautstärke. Zu Fuß durchquert man sie in etwa zwanzig Minuten. Nach Tunis wirkt das fast handlich – verlaufen kann man sich hier eigentlich nur mit Absicht.
Das Ribat aus dem 8. Jahrhundert war Kloster und Festung zugleich, bewohnt von Mönchssoldaten, die aufs Meer schauten. Quadratischer Hof, kahle Zellen, eine steile Treppe und der rund zwanzig Meter hohe Wachturm von 821, von dem aus man weiße Dächer und den Hafen überblickt. Der Aufstieg lohnt sich, ist aber nichts für weiche Knie. Die Große Moschee aus der Mitte des 9. Jahrhunderts kommt ohne klassisches Minarett aus – den Job erledigte der Turm des Ribat. Von außen sieht sie aus wie eine Kaserne; der Hof ist zugänglich, der Gebetssaal nicht.
Dazu kommen die Souks, in denen sich echter Stadthandel und Touristenbasar mischen, die winzige Bou-Ftata-Moschee als ältestes Gotteshaus der Stadt, die byzantinischen Sofra-Zisternen und der Khalef-Turm, letzter Rest der ursprünglichen Festung und heute Leuchtturm. In der Kasbah sitzt das Archäologische Museum mit der nach dem Bardo zweitwichtigsten Mosaiksammlung des Landes, dazu punische Stelen und christliches Grabinventar. Rechnen Sie mit anderthalb Stunden.
Westlich vor den Mauern öffnen die Katakomben des Guten Hirten den einzigen begehbaren Abschnitt des Totennetzes: etwa 1,5 Kilometer Gänge, einige tausend Grabnischen. Fragen Sie vorher nach, ob wirklich geöffnet ist – das ist dort keine reine Formsache. Port El Kantaoui, gut zehn Kilometer nördlich, ist kein Fischerdorf, sondern eine Ende der 1970er am Reißbrett entworfene Ferienanlage um Marina und Golfplatz. Ein halber Tag genügt.
Sousse ist zuerst eine Stadt, die arbeitet, und erst danach ein Urlaubsort. Rund 300.000 Menschen leben hier, im Ballungsraum etwa doppelt so viele. Es gibt einen Handelshafen, Textil- und Zulieferindustrie, eine Universität und morgens wie abends Stau. Der Tourismus drängt sich auf einem schmalen Streifen am Wasser, dahinter geht das normale Leben unbeeindruckt weiter. Wer erwartet, dass sich alles um ihn dreht, ist hier falsch – und das ist eher ein Kompliment.
Abends trifft sich die Stadt auf der Corniche von Boujaafar. Der Strand dort ist lang, zentral und volkstümlich: Familien, Kinder, Zuckerwatteverkäufer, Mopeds, spontane Fußballspiele im Sand. Sauber und ruhig ist es nicht überall, lebendig dafür immer. Gegessen wird gegrillter Fisch, Ojja mit Merguez, Kefteji, Harissa zu allem, Mandelgebäck – und Eis, das die Einheimischen mit einer Ernsthaftigkeit behandeln, die man erst einmal verstehen muss.
Und jetzt ehrlich: In der Medina werden Sie angesprochen, verfolgt und gelegentlich am Arm genommen. Das ist kein Missverständnis, das ist Methode, und es nervt. Was funktioniert, ist ein freundliches, festes Nein, wiederholt, ohne stehen zu bleiben. Die Strandpromenade ist optisch ein Flickenteppich – gepflegte Häuser neben Hotelklötzen aus den Achtzigern, aufgegebene Baustellen, kaputte Gehwege. Und Port El Kantaoui ist zwar sauber, bepflanzt und bewacht, hat aber ungefähr so viel Seele wie ein Parkhaus mit Palmen: Man schläft dort gut und lernt nichts.
Anreise — Die beiden nächsten Flughäfen sind Monastir (rund 25 km) und Enfidha (etwas weiter nördlich, rund 45 km). Beide werden in der Saison von Ferienfliegern aus Frankfurt, München und Wien angesteuert, Flugzeit knapp drei Stunden. Aus Tunis kommen Sie mit dem Zug in zwei bis drei Stunden, mehrmals täglich; schneller sind die Louages, Sammeltaxis mit neun Plätzen, die losfahren, sobald sie voll sind – einen Fahrplan gibt es nicht, das ist der Fahrplan.
Beste Reisezeit — Von Mai bis Oktober ist das Meer badetauglich, Juli und August sind Hochsaison und decken sich mit den deutschen und österreichischen Sommerferien: volle Strände, volle Unterkunftslage. Der beste Kompromiss ist Frühjahr oder Herbst – das Wasser trägt noch, und die Medina lässt sich bei 24 bis 28 °C erlaufen statt erleiden. Der Winter ist mild, aber windig, und ein Teil der Strandhotels macht schlicht zu.
Vor Ort unterwegs — Medina, Corniche und Bahnhof erreichen Sie zu Fuß. Der Métro du Sahel, eine Regionalbahn ab Bab Jedid, bringt Sie nach Monastir und Mahdia. Gelbe Taxis gibt es reichlich und günstig; bestehen Sie auf dem Taxameter, es ist Pflicht. Nach Port El Kantaoui fahren Taxi oder Touristenbimmelbahn.
Gut zu wissen — Zwei Tage reichen für Medina, Museum und Katakomben; danach ist Sousse Strand oder Basislager für Tagesausflüge nach Kairouan, El Jem und Monastir. Badesachen an den Strand, Schultern und Knie in die Medina – zwischen beiden Welten liegen zehn Gehminuten. Zum Anschlag von 2015 in Port El Kantaoui mit 38 Toten: Die Reisewarnungen fielen 2017, die Flüge kamen im Jahr darauf zurück, die Lage gilt als normalisiert – ein Blick ins Auswärtige Amt vor Abflug gehört trotzdem dazu. Und wer mag, kombiniert vormittags Thalasso in Port El Kantaoui mit Medina am Nachmittag.