Tozeur existiert, weil hier Wasser aus dem Boden kommt. Am Rand einer Salzwüste liegt ein Quellhorizont, der seit der Antike eine Oase speist – das ist die ganze Erklärung für eine Stadt an einem Ort, an dem sonst nichts wachsen würde. Die Römer nannten den Ort Thusuros und hielten hier eine Garnison, weil die Oase eine Etappe auf den Karawanenwegen nach Süden war.
Diese Rolle behielt Tozeur über Jahrhunderte: Umschlagplatz zwischen dem Mittelmeerraum und der Sahara, wo Gold, Salz, Sklaven und Datteln die Besitzer wechselten. Wohlstand kam nicht aus der Landwirtschaft allein, sondern aus dem Durchgangshandel – und er ist bis heute an den Fassaden ablesbar.
Denn im 14. Jahrhundert, unter den Hafsiden, entstand das, wofür man herkommt: das Viertel Ouled el-Hadef. Die Baumeister von Tozeur setzten gebrannte Lehmziegel vorspringend und zurückspringend in die Wand, sodass Muster entstehen – Rauten, Zickzack, Bänder, die im Streiflicht Schatten werfen. Es ist Ornament ohne Farbe und ohne Putz, allein aus der Fugenordnung. Vergleichbares gibt es nur in wenigen Orten des Djerid.
Das Bewässerungssystem der Oase gilt als eigene Leistung. Im 13. Jahrhundert soll der Gelehrte Ibn Chabbat die Verteilung des Quellwassers auf Hunderte Parzellen geregelt haben – ein Zeitplan, der bis in die Neuzeit funktionierte und die Oase in drei Etagen bepflanzen ließ: Palmen oben, Obstbäume darunter, Gemüse am Boden.
Im 20. Jahrhundert kamen zuerst die Franzosen, dann die Filmteams. Die Wüstenlandschaften rund um Tozeur dienten mehrfach als Kulisse für internationale Produktionen, unter anderem für Star Wars und den Englischen Patienten. Seit den 1990er-Jahren gibt es einen internationalen Flughafen und eine Hotelzone – und mit ihnen den Massentourismus in Tagesdosen.
Ouled el-Hadef ist der Grund für die Reise. Das Altstadtviertel aus dem 14. Jahrhundert besteht aus engen, oft überbauten Gassen zwischen ockerfarbenen Backsteinwänden, deren Muster sich alle paar Meter ändern. Am Vormittag und am späten Nachmittag steht die Sonne flach, und erst dann treten die Reliefs hervor – mittags sieht man fast nichts davon. Ein kleines Museum für traditionelle Künste und Volkskunde ist in einem alten Haus untergebracht und hilft beim Einordnen.
Die Oase selbst ist ein bewirtschafteter Palmenwald von mehreren Quadratkilometern, durchzogen von Bewässerungskanälen und Sandwegen. Man kann hindurchlaufen, mit dem Rad fahren oder sich in einer Kalesche kutschieren lassen. Die Dreietagen-Bepflanzung sieht man am besten dort, wo noch gearbeitet wird – die Deglet Nour, die helle, durchscheinende Dattel, kommt von hier.
Das Chott el-Djerid beginnt südlich der Stadt: ein Salzsee von der Größe eines Bundeslandes, im Sommer eine weiße Kruste, im Winter stellenweise mit Wasser. Die Straße quert ihn auf einem Damm. Es ist eine Landschaft, die nach nichts aussieht und trotzdem hängen bleibt.
Die Bergoasen Chebika, Tamerza und Mides liegen 50 bis 60 km nordwestlich in Richtung algerischer Grenze: Schluchten, Wasserfälle in einer Felsspalte, verlassene alte Dörfer, die 1969 nach Überschwemmungen aufgegeben wurden. Der klassische Tagesausflug ab Tozeur.
Dazu kommen ein Wüstenzoo, ein Museums-Palmenpark und mehrere Filmkulissen in der Umgebung. Zum Museum Dar Cheraït: Es gilt seit Jahren als geschlossen, verlässliche Angaben zu einer Wiedereröffnung gibt es nicht – erkundigen Sie sich vor Ort, bevor Sie hinfahren.
Tozeur riecht nach trockenem Staub, Palmwedeln und, sobald man in die Oase tritt, überraschend nach Feuchtigkeit. Der Temperaturunterschied zwischen der offenen Straße und dem Palmenschatten beträgt mehrere Grad, und man versteht sofort, warum eine ganze Kultur um diesen Schatten herum gebaut wurde. Die Menschen im Djerid gelten als eigenständig und ruhig; man spricht Arabisch mit deutlichem südlichen Einschlag.
Der Tagesrhythmus richtet sich nach der Sonne: früh raus, mittags nichts, abends wieder Leben. Gegessen wird deftig – Couscous, Lamm, dazu Datteln in allen Formen, und ein Tee, der süßer ist, als Sie erwarten.
Und jetzt ehrlich: Der Wüstentourismus hier ist eine Industrie, und sie zeigt es. Die Ausflüge zu den Bergoasen laufen im Konvoi aus Geländewagen, die im Zehnminutentakt an denselben drei Aussichtspunkten halten; von Einsamkeit keine Spur. Bei den Kamel- und Kaleschenanbietern lohnt ein Blick auf den Zustand der Tiere, und der ist nicht immer erfreulich – wer das nicht unterstützen will, geht zu Fuß. Die Filmkulissen in der Wüste sind heute verwitterte Sperrholzruinen im Sand und enttäuschen fast jeden, der sie sich anders vorgestellt hat. Und die Hotelzone am Stadtrand ist von der Altstadt so weit entfernt wie architektonisch überhaupt möglich. Tozeur ist großartig, wenn man früh aufsteht und die Oase zu Fuß nimmt. Im Konvoi ist es ein Ausflugsziel wie viele andere.
Anreise — Tozeur liegt rund 450 km südwestlich von Tunis, das sind über fünf Stunden Fahrt. Der internationale Flughafen Tozeur-Nefta liegt wenige Kilometer außerhalb; es gibt Inlandsflüge ab Tunis und saisonal einzelne internationale Verbindungen, der Flugplan ist allerdings dünn und ändert sich häufig. Von Djerba sind es rund 300 km. Louages und Busse fahren ab Tunis, Gafsa und Gabès. Die meisten kommen im Rahmen einer Rundreise, und das ergibt hier tatsächlich Sinn.
Beste Reisezeit — Oktober bis April, ohne Diskussion. Im Winter liegen die Tage bei angenehmen 18 bis 22 °C, die Nächte werden aber empfindlich kalt, teilweise um 5 °C – Pullover und Jacke gehören ins Gepäck, auch wenn das Wort Sahara etwas anderes suggeriert. Von Juni bis September sind 40 bis 45 °C normal; das ist kein Wetter für eine Oasenwanderung. Die deutschen Sommerferien fallen genau in die unmögliche Zeit, die Herbst- und Osterferien dagegen perfekt.
Vor Ort unterwegs — Altstadt und Oase erreichen Sie zu Fuß, ein Fahrrad ist für die Oase ideal. Für Chott, Bergoasen und Filmkulissen brauchen Sie einen Geländewagen mit Fahrer; das buchen Sie vor Ort oder über die Unterkunft. Einen halben Tag für die Bergoasen, einen halben für die Oase und Ouled el-Hadef – so geht es sich am besten aus.
Gut zu wissen — Zwei bis drei Nächte reichen. Zur Unterkunft: die Hotelzone außerhalb ist bequem, kleine Häuser in oder am Rand der Altstadt sind schöner. Viel trinken, die Luft ist extrem trocken und man merkt den Flüssigkeitsverlust kaum. Sonnenschutz und Kopfbedeckung sind hier keine Empfehlung. Und: In der Wüste ohne Ortskenntnis nicht selbst herumfahren, auch nicht kurz – Sand und Salzkruste sind trügerischer, als sie aussehen.