Bevor Tunis Hauptstadt wurde, lebte es lange im Schatten des Nachbarn. Unter dem Namen Tunes war es kaum mehr als ein Dorf an einem Salzsee, wenige Kilometer von Karthago entfernt. 146 v. Chr. ging es zusammen mit Karthago unter und kam als unbedeutende römische Kleinstadt zurück.
Die Wende kam Ende des 7. Jahrhunderts. Die arabische Eroberung ließ Karthago liegen – zu offen zum Meer hin, zu sehr nach Byzanz ausgerichtet – und bevorzugte den geschützteren Ort hinter dem See. Die Zitouna-Moschee wurde zum Herz der neuen Stadt; der Bau, den man heute sieht, stammt im Kern aus dem 9. Jahrhundert und gehört zu den ältesten des Maghreb.
Das große Jahrhundert von Tunis ist das 13. Die Hafsiden machten die Stadt zur Hauptstadt Ifriqiyas. Damals bekam die Altstadt die Form, durch die man heute noch läuft: Souks, nach Handwerk sortiert, rund um die Moschee, dazu Medresen, Paläste und die Fondouks, in denen die Kaufleute aus Genua, Pisa und Venedig wohnten.
Im 16. Jahrhundert wurde Tunis zum Streitfall zwischen Spanien und dem Osmanischen Reich, das 1574 endgültig gewann. Es folgten die Beys und ab 1705 die Dynastie der Husainiden, die bis zur Unabhängigkeit regierte.
1881 kam das französische Protektorat. Es veränderte die Form der Stadt stärker als ihren Charakter: Statt Schneisen durch die Altstadt zu schlagen, bauten die Franzosen daneben, auf dem Land, das man der Lagune abgerungen hatte. So entstand die Neustadt mit ihren Balkonhäusern und der von Ficusbäumen gesäumten Prachtstraße. Zwei Städte nebeneinander, getrennt durch ein Stadttor.
Am 20. März 1956 wurde die Unabhängigkeit ausgerufen, Tunis wurde Hauptstadt der Republik. Und im Januar 2011 entschied sich auf genau derselben Avenue, wie es mit dem Land weitergeht. Wer das weiß, läuft anders über die Avenue Habib Bourguiba.
Die Medina (Altstadt) steht seit 1979 auf der UNESCO-Welterbeliste. Sie ist keine Kulisse: Hier wird gewohnt und gearbeitet, Kinder gehen hier zur Schule. Planen Sie einen guten halben Tag ein und versuchen Sie gar nicht erst, alles zu sehen. Die Zitouna-Moschee lässt Nicht-Muslime in den Innenhof, nicht aber in den Gebetssaal. Von den Souks lohnen sich vor allem der Chéchia-Souk, wo bis heute die roten Filzkappen entstehen, und El Attarine, der Souk der Parfümeure direkt hinter der Moschee. Dar Ben Abdallah, ein Palast aus dem 18. Jahrhundert, ist heute Museum für Volkskunst und Alltagskultur; das Tourbet el Bey ist das Mausoleum der husainidischen Herrscher. Bab Bhar, die Porte de France, markiert exakt die Naht zwischen alter und neuer Stadt.
Die Neustadt wird von Reisenden regelmäßig übersehen, und das ist schade. Die Avenue Habib Bourguiba und die Straßen ringsum bilden ein zusammenhängendes Ensemble aus Belle Époque und Art déco: die Kathedrale Saint-Vincent-de-Paul, das Stadttheater mit seiner weißen Fassade von 1902, dazu Dutzende Wohnhäuser zwischen 1900 und 1930 in einer Reihe.
Das Bardo-Nationalmuseum in einem früheren Beylikspalast zeigt eine der weltweit reichsten Sammlungen römischer Mosaiken. Es war in den vergangenen Jahren mehrfach über längere Zeit geschlossen und ist inzwischen wieder zugänglich – trotzdem gilt: kurz den aktuellen Stand prüfen, bevor Sie quer durch die Stadt fahren.
Vor den Toren liegen die Ausgrabungen von Karthago und das Dorf Sidi Bou Saïd, gut 20 Minuten mit der Bahn – beides lässt sich bequem an einem Tag verbinden. Der Belvédère-Park auf dem Hügel bietet den einzigen echten Gesamtblick über die Stadt.
Tunis ist eine Stadt in Schichten. Punisch, römisch, arabisch, osmanisch, italienisch, französisch – nichts hat je das Vorherige ersetzt, alles kam dazu. Deshalb steht man nach hundert Metern vor einer Brasserie von 1930, während man kurz zuvor noch in einem Souk aus dem 14. Jahrhundert war.
Es ist außerdem eine Stadt, die draußen lebt. Die Cafés sind zu jeder Tageszeit voll, die Terrassen wachsen über die Gehwege, und man sitzt sehr lange vor einem einzigen Kaffee. Im Frühjahr stehen an jeder Ecke die Machmoum-Verkäufer mit ihren kleinen Jasminsträußchen, die man sich hinters Ohr klemmt; der Duft zieht durch die ganze Altstadt. Das Streetfood ist gut und günstig: Brik mit Ei, morgens Lablabi, Kaftaji, Sandwiches mit Thunfisch und Harissa. Für die Harissa gilt beim ersten Mal: höflich um wenig bitten.
Und jetzt ehrlich: Tunis ist kein Badeort und will auch keiner sein. Es gibt Verkehr, Lärm, aufgerissene Gehwege und ganze Viertel ohne jeden touristischen Reiz. Wer eine herausgeputzte Altstadt wie in Dubrovnik erwartet, wird enttäuscht: Müll liegt herum, etliche Prachtbauten der Neustadt verfallen sichtbar, und in den Souks wird man angesprochen. Dafür ist man in einer echten Stadt, in der der Empfang direkt und herzlich ausfällt – und in der man nicht ab der Hoteltür als wandelnde Geldbörse behandelt wird.
Anreise — Der Flughafen Tunis-Karthago liegt 8 km vom Zentrum entfernt, mit dem Taxi außerhalb der Stoßzeiten rund 20 Minuten. Ab Frankfurt, München und Wien gibt es Direktflüge, Flugzeit knapp drei Stunden – also kürzer als mancher Flug auf die Kanaren. Tunis-Karthago ist das wichtigste Eingangstor des Landes.
Beste Reisezeit — Frühjahr (März bis Mai) und Herbst (September bis November): klares Licht, milde 20 bis 25 °C, die Altstadt zu Fuß angenehm. Der Sommer ist heiß und schwül, häufig über 35 °C – wer in den Sommerferien kommt, legt die Altstadt auf den Vormittag. Der Winter bleibt mild, aber regnerisch.
Vor Ort unterwegs — Die beste Idee der ganzen Reise ist der TGM, die kleine Vorortbahn Richtung Norden: ab Tunis Marine fährt sie nach La Goulette, Karthago, Sidi Bou Saïd und La Marsa, für ein paar hundert Millimes. Die Stadtbahn (Métro léger) deckt Tunis selbst ab. Gelbe Taxis gibt es reichlich und sie sind günstig – beim Einsteigen einfach nach dem Taxameter fragen, das ist hier völlig normal und niemand nimmt es übel.
Gut zu wissen — Der tunesische Dinar ist nicht konvertibel: Man kauft ihn nicht vorher zu Hause und führt ihn auch nicht wieder aus. Wechseln Sie vor Ort, am Flughafen oder in der Bank, und heben Sie die Belege auf. Im Ramadan schließen viele Cafés und Restaurants tagsüber, dafür sind die Abende umso lebendiger – kein Problem, aber vor der Buchung gut zu wissen. Für Tunis allein reichen zwei Tage, mit Karthago und Sidi Bou Saïd sollten es drei sein. Kleiderordnung: in der Stadt keine, für den Innenhof der Zitouna Schultern und Knie bedeckt.